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Wahlsystem: Wählen ohne Wissen?

Nur jeder zweite Wahlberechtigte benennt entscheidende Stimme für Mandatsverteilung richtig

Bei der Landtagswahl in Niedersachsen im Januar 2013 war das Ausmaß des Splitting von Erst- und Zweitstimme so groß wie noch nie zuvor. Besonders zwischen den beiden „bürgerlichen“ Parteien CDU und FDP verteilten die Wählerinnen und Wähler ihre Stimmen sehr häufig auf unterschiedliche Parteien. Im Vorfeld der Wahl gab eine große Mehrheit der sich bekennenden FDP-Wähler an, dass es in erster Linie darum ginge, den Christdemokraten David McAllister im Ministerpräsidentenamt zu halten. In Folge dessen wanderten rund 100.000 Stimmen von der CDU zur FDP. Die Wähler der Liberalen splitteten in bisher ungekanntem Maße: 77 Prozent der FDP-Wählerschaft votierte mit der Erststimme für den CDU-Kandidaten in ihrem Wahlkreis.[1] >

Welche Stimme entscheidet über Stärke der Parteien im Bundestag?

Welche Stimme entscheidet über Stärke der Parteien im Bundestag?

Welche Stimme entscheidet über Stärke der Parteien im Bundestag?
(nach Stimmensplittern)

Welche Stimme entscheidet über Stärke der Parteien im Bundestag? (nach Stimmensplittern)

Welche Stimme entscheidet über Stärke der Parteien im Bundestag?
Formales Bildungsniveau

Welche Stimme entscheidet über Stärke der Parteien im Bundestag? Formales Bildungsniveau

Welche Stimme entscheidet über Stärke der Parteien im Bundestag?
( nach Parteianhängern)

Welche Stimme entscheidet über Stärke der Parteien im Bundestag? ( nach Parteianhängern)

Welche Stimme entscheidet über Stärke der Parteien im Bundestag?

Welche Stimme entscheidet über Stärke der Parteien im Bundestag?

Welche Stimme entscheidet über Stärke der Parteien im Bundestag?
(nach Stimmensplittern)

Welche Stimme entscheidet über Stärke der Parteien im Bundestag? (nach Stimmensplittern)

Welche Stimme entscheidet über Stärke der Parteien im Bundestag?
Formales Bildungsniveau

Welche Stimme entscheidet über Stärke der Parteien im Bundestag? Formales Bildungsniveau

Welche Stimme entscheidet über Stärke der Parteien im Bundestag?
( nach Parteianhängern)

Welche Stimme entscheidet über Stärke der Parteien im Bundestag? ( nach Parteianhängern)

Diese bemerkenswerten Ergebnisse aus Niedersachsen werfen die Frage auf: Wissen die Wählerinnen und Wähler eigentlich, was sie da tun? infratest dimap ist sechs Monate vor der Bundestagswahl in einer bundesweiten repräsentativen Studie folgender Frage nachgegangen: „Inwiefern sind die Wahlberechtigten in Deutschland über das Wahlrecht informiert?“ Die Ergebnisse der im März 2013 durchgeführten Studie zeigen, dass wir in Deutschland eher ein „un-informiertes Elektorat“ haben, denn nur jeder zweite Wahlberechtigte kann die für die Zusammensetzung des Bundestages entscheidende Stimme richtig benennen.[2] Auf die Frage „Welche der beiden Stimmen entscheidet letztlich über die Stärke der Parteien im Bundestags?“ benannten 47 Prozent richtig die Zweitstimme. Vier von zehn nannten fälschlicherweise die Erststimme (39 Prozent) bzw. gaben spontan an, dass beide Stimmen gleich wichtig wären (1 Prozent). Weitere 13 Prozent geben spontan zu, dass sie nicht wissen, welche Stimme entscheidend ist. Die akademische Forschergruppe der German Longitudinal Election Study ermittelte im Vorfeld der Bundestagswahl 2009 ebenfalls einen Anteil von 47 Prozent der Bevölkerung mit Wahlrechtswissen. Und bereits 20 Jahre zuvor waren die Werte ähnlich.[3] Somit gilt die Diagnose des Mannheimer Sozialforschers Franz Urban Pappi „ansonsten kann man aber für 2009 im Vergleich zu 1990 keinerlei Wissensfortschritt feststellen“[4] auch noch im Bundestagswahljahr 2013.

 

Die weitergehende Analyse zeigt, dass Parteianhänger, die ihre Stimmen splitten wollen, besser informiert sind als die ohne Splittingabsicht : 61 Prozent der Stimmensplitter wissen was sie tun, wenn sie ihre beiden Stimmen auf unterschiedliche Parteien verteilen. Ein Drittel (33 Prozent) von ihnen benennt jedoch fälschlicherweise die Erststimme als ausschlaggebend. Befragte ohne Splittingabsicht verfügen nur zu 47 Prozent über die genaue Kenntnis des Wahlrechts. Das Wissen über das Wahlrecht ist dabei maßgeblich vom Bildungsgrad der Wahlberechtigten abhängig. Personen mit einen höheren Schulabschluss geben zu 60 Prozent die korrekte Antwort, bei Befragten mit niedriger oder mittlerer formaler Bildung sind es lediglich 41 Prozent.

Innerhalb der Parteianhängerschaften kennen sich die Grünen- und die SPD-Anhänger am besten mit dem Wahlrecht aus (57 bzw. 56 Prozent). In der Anhängerschaft der Union (44 Prozent) und der Linken (42 Prozent) vermag nicht einmal jeder Zweite die Zweitstimme zu benennen.[5] Noch etwas geringer ist das Wahlrechtswissen bei derzeit (noch) unentschlossenen Wahlberechtigten (40 Prozent). In dieser Gruppe bekennen sich 15 Prozent offen zu ihrem Wissensdefizit.

Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl in der Gesamtbevölkerung als auch bei Stimmensplittern das Wissen über das Wahlrecht auf individueller Ebene defizitär ist. Dies darf aber nicht zu dem „Fehlschluss“ führen, „…dass damit ein großer Teil der Wählerschaft nicht in der Lage (ist), mit seiner Wahlentscheidung seine Präferenzen optimal zum Ausdruck zu bringen“[6]. Z.B. zeigt das Ergebnis der Bundestagswahl 2009 und auch das Wahlverhalten insbesondere von Unions- und FDP-Wählern bei der niedersächsischen Landtagswahl im Januar, dass auf gesamtelektoraler Ebene das Wahlrecht sinnvoll gehandhabt wird – im Sinne eines positiven Impulses für die bevorzugte Partei bzw. den bevorzugten Kandidaten.  Bei der Niedersachsen-Wahl haben die Wählerströme von der CDU zur FDP bzw. das Splitting von FDP-Wählern zugunsten von CDU-Kandidaten zwar nicht zur erhofften Weiterführung der schwarz-gelben Landesregierung geführt, gleichwohl aber der FDP zum Einzug in den Landtag verholfen und damit zumindest die Chance auf Kontinuität gewahrt. Somit scheinen also die Politisierung und Mobilisierung sowie die von den Parteien getroffenen Koalitionsaussagen im Wahlkampf auf kollektiver Ebene trotz individuellen Wissensdefiziten zu sinnvollen Wahlentscheidungen zu führen.[7]

 


[1] Vgl. infratest dimap (2013): WahlREPORT Landtagswahl Niedersachsen 2013, Eine Analyse der Wahl vom 20. Januar 2013, Berlin.

[2] Die Kenntnis von Erst- und Zweitstimme als wichtiges Element des Wahlsystems gehört in den Wissensbereich „Institutionelles Basiswissen“. S. dazu Bettina Westle (2011): Politisches Wissen in Deutschland. Ein Vergleich von Bürgern mit türkischem Migrationshintergrund und einheimischen Deutschen, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, Jg. 42, H. 4, S. 838f.

[3] Schmitt-Beck, Rüdiger (1993): Denn sie wissen nicht, was sie tun…, Zum Verständnis des Verfahrens der Bundestagswahl bei westdeutschen und ostdeutschen Wählern, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, Jg. 24, H. 3, S. 393-415. Zit. nach: Franz Urban Pappi (2011): Uninformierte Wähler und informiertes Elektorat: Wie gehen die Wähler mit dem Bundestags-Wahlsystem um?, in: Evelyn Bytzek / Sigrid Roßteutscher (Hrsg.): Der unbekannte Wähler? Mythen und Fakten über das Wahlverhalten der Deutschen, Frankfurt am Main, S. 213f.

[4] Pappi, S. 214.

[5] Anhänger der FDP können wegen zu geringer Befragtenzahl nicht dargestellt werden.

[6] Pappi, S. 228.

[7] Vgl. Pappi 2011, S. 229.

Untersuchungsanlage

Grundgesamtheit:Wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland ab 18 Jahren

Stichprobe:Repräsentative Zufallsauswahl/Randomstichprobe

Erhebungsverfahren:Computergestützte Telefoninterviews (CATI) /Dual Frame

Fallzahl:1003 Befragte

Erhebungszeitraum:4. bis 5. März 2013

Fehlertoleranz:1,4* bis 3,1** Prozentpunkte
* bei einem Anteilswert von 5%
** bei einem Anteilswert von 50%

Durchführendes Institut:infratest dimap

Wahlforschung

Heiko Gothe

Projektdirektor Meinungs- und Wahlforschung

heiko.gothe @infratest-dimap.de