ARD-DeutschlandTREND März 2022

Repräsentative Studie im Auftrag der ARD

Russische Truppen sind am vergangenen Donnerstag in die Ukraine einmarschiert. Die Mehrheit der Bundesbürger blickt mit Entsetzen auf die Entwicklungen im Osten Europas. Neun von zehn sind in Sorge um die Menschen vor Ort in der Ukraine. Acht von zehn äußern Sorgen, dass die Ukraine vollständig besetzt wird. Immerhin sieben von zehn treibt die Sorge vor dem russischen Angriff weiterer Länder um. Äußerten im Sommer 2014 zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs drei von zehn Deutschen Ängste vor einem neuen großen Krieg auf dem Kontinent, sind es nunmehr sieben von zehn.

Vielen ist bewusst, dass der Konflikt auch in der Bundesrepublik Spuren hinterlassen wird. 64 Prozent fürchten eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation Deutschlands, zwei Drittel Einschränkungen für die Gas- und Energieversorgung. Zu den unausweichlichen Folgen des Krieges zählt eine bereits spürbare Fluchtbewegung. Eine Aufnahme von Flüchtlingen aus der Ukraine durch die Bundesrepublik wird faktisch von niemandem in Frage gestellt, neun von zehn Deutschen halten die Aufnahme grundsätzlich für richtig.

Der russische Einmarsch hat in kürzester Zeit zu einer markanten sicherheitspolitischen Neupositionierung Deutschlands geführt, die eine Mehrheit der Wahlberechtigten auch außerhalb der Ampelkoalition mitträgt. Die Antwort der Bundesregierung auf den russischen Angriff bewertet gut die Hälfte der Deutschen als angemessen. Für knapp drei von zehn Wahlberechtigten geht die bisherige Reaktion sogar nicht weit genug. Nur für jeden Siebten ist sie zu weitgehend. Mit ihrem Agieren haben das Ampel-Kabinett und die Koalitionsspitzen, allen voran Außenministerin Annalena Baerbock, an Sympathien gewonnen, auch wenn die Deutschen uneins darüber sind, ob militärische Hilfen für Kiew zu lange hinausgezögert wurden. Zweifel an einer militärischen Unterstützung dominierten allerdings bis zuletzt auch in der deutschen Bevölkerung und verschwanden erst unmittelbar mit der Invasion: Nach 20 Prozent vor einem Monat finden Waffenlieferungen an die Ukraine nunmehr bei sechs von zehn Zuspruch.

Der russische Angriff beeinflusst die verteidigungspolitischen Vorstellungen der Bundesbürger grundlegend. Anders als 2014 nach der Krim-Annexion wird nicht nur die Verlegung zusätzlicher Bundeswehreinheiten an die NATO-Ostflanke unterstützt. Auch die Ankündigung der Bundesregierung, durch deutlich größere Anstrengungen militärische Ressourcen und Fähigkeiten zu stärken, stößt auf Rückhalt. Die Bereitstellung eines Sondervermögens für die Bundeswehr von 100 Mrd. Euro bezeichnen 65 Prozent als richtig. Die Anhebung der jährlichen deutschen Verteidigungsausgaben auf mindestens 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts unterstützen 69 Prozent, wobei etwa die Hälfte angibt, dass sich ihre Haltung zu einem höheren Verteidigungsbudget mit den Einmarsch in die Ukraine verändert hat. Obwohl jeder Zweite bezweifelt, dass Sanktionen den russischen Kurs ändern können, werden Maßnahmen wie der Ausschluss wichtiger russischer Banken aus dem Zahlungssystem SWIFT von der Bevölkerung ebenso mitgetragen wie der Stopp des Genehmigungsverfahrens für Nordstream 2. Sanktionsschritte wie diese werden aktuell auch dann mehrheitlich von den Bundesbürgern unterstützt, wenn sie von steigenden Energiepreisen und Lebenshaltungskosten, Engpässen in der Energieversorgung oder auch Nachteilen für deutsche Firmen begleitet sein sollten.

Der Einmarsch in die Ukraine lässt rückblickend viele an der deutschen Russland-Politik der vergangenen Jahre zweifeln. Zwei Drittel glauben, die Bundesrepublik war zu nachsichtig gegenüber Wladimir Putin. Zugleich fällt das Ansehen Russlands bei den Deutschen auf einen Tiefstand. Die Wahrnehmung der Ukraine wiederum hat sich mit dem Angriff schlagartig geändert, sie gilt erstmals mehrheitlich als vertrauenswürdiger Partner Deutschlands. Damit gewinnt auch die Idee einer ukrainischen EU-Mitgliedschaft an Zuspruch. Nach 51 Prozent im März 2014 sprechen sich aktuell sechs von zehn für eine langfristige Aufnahme des Landes in die EU aus. Gefestigt präsentiert sich in der aktuellen sicherheitspolitischen Krise die Beziehung der Deutschen zum westlichen Bündnis. 83 Prozent unterstreichen in diesen Tagen die Bedeutung der NATO für den Frieden in Europa. Die USA als wichtigster Partner erreicht den höchsten Sympathiewert im ARD-DeutschlandTREND seit Dezember 2011.

Studieninformation
Grundgesamtheit

Wahlberechtigte in Deutschland

Erhebungsmethode

Zufallsbasierte Telefon- (davon 60 Prozent Festnetz, 40 Prozent Mobilfunk) und Online-Befragung

Fallzahl

1.320 Befragte
(863 Telefoninterviews und 457 Online-Interviews)

Erhebungszeitraum

28. Februar bis 02. März 2022

Schwankungsbreite

2 Prozentpunkte bei einem Anteilswert von 10 Prozent
3 Prozentpunkte bei einem Anteilswert von 50 Prozent

© infratest dimap

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