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Corona-COMPASS

Seit dem 12. März erheben wir im Rahmen einer kontinuierlichen Online-Befragung mit einem modular und adaptiv aufgebauten Fragenprogramm zentrale Indikatoren. Auf Basis unseres Corona-COMPASS (Corona-Online-Meinungs-Panel-Survey-Spezial) können wir repräsentative Analysen für die Wahlberechtigten mit Online-Zugang liefern. Unser Standard-Set an Fragen umfasst unter anderem die Betroffenheit von Corona-Infektionen im persönlichen Umfeld, die Bewertung von staatlichen Maßnahmen insgesamt, die Beurteilung von verschiedenen Einzelmaßnahmen seitens des Staates und auch von Betrieben, die subjektive Risikoeinschätzung einer Infizierung sowie grundlegende Einstellungen zur wirtschaftlichen und politischen Situation. Dieses Standard-Set wurde seit dem 12. März mehrfach erweitert und modifiziert, wodurch die Akzeptanz neuer Maßnahmen, die in der öffentlichen Diskussion an Bedeutung gewinnen, auch bereits vor Inkrafttreten erfasst werden kann. Darüber hinaus erheben wir verschiedene Fragen aus der verhaltens- und sozialwissenschaftlichen Grundlagenforschung.

 

Aktuelle Ergebnisse

1. Juli 2020

Händewaschen, Tracing-App und Masken -wie werden verschiedene Maßnahmen bewertet?

Aktuelle COMPASS-Daten in DIW aktuell

Die wirtschaftlichen und sozialen Einschränkungen durch die Corona-Maßnahmen hat die große Mehrheit der Deutschen mit Disziplin mitgetragen. Sogar am Osterwochenende hielt sich die Bevölkerung an die weitreichenden Kontaktbeschränkungen. Doch nun wecken selektive Lockerungsmaßnahmen, also die Wiedereröffnung von vielen Geschäften und öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, die Hoffnung auf die Rückkehr in die Normalität. Damit wächst auch die Gefahr, dass die Selbstdisziplin nachlässt. Eine seit mehr als einem Monat laufende tägliche Befragung von infratest dimap lässt erst geringe Ermüdungserscheinungen in der Bevölkerung erkennen und zeigt auch, dass rund 40 Prozent der Menschen im Land sich durch die bisherigen Maßnahmen stark eingeschränkt sehen.

 

Wie sieht es nun mit Maßnahmen aus, die trotz der in dieser Woche erfolgten beziehungsweise künftigen Lockerungen Ansteckungen vermeiden oder zumindest leichter erkennen lassen? Gründliches Händewaschen dürfte inzwischen zur Alltagsroutine gehören: Mitte März gaben über 90 Prozent der Befragten an, dass sie sich häufiger die Hände wuschen als sonst. Es ist nicht zu erwarten, dass diese Zahlen zurückgehen, insofern es der „Risikokommunikation“ von Politik und Multiplikatoren gelingt, die anhaltende Bedrohung durch das Virus weiterhin deutlich zu machen. Im Mittelpunkt der derzeitigen Diskussion stehen zwei zentrale Maßnahmen, die auf das individuelle Verhalten abzielen: Erstens die Frage, inwieweit mithilfe technischer Möglichkeiten, konkret einer Tracing-App, Neuinfektionen zielgerichtet nachverfolgt werden können, um so die Infektionsketten zu verkürzen. Und zweitens die Frage nach dem Tragen von Mund- und Nasenmasken im öffentlichen Raum.

 

Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Akzeptanz von Tracing-Apps, die die Aufdeckung neuer Infektionsketten erlauben, in den Augen der Menschen von der Wirksamkeit solcher Apps abhängt. Fachleute gehen davon aus, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung mitmachen müsste. Allerdings geben seit letzter Woche nahezu konstant nur 45 Prozent an, sich eine solche App nicht installieren zu wollen. Datenschutzbedenken spielen eine relevante Rolle (49 Prozent derer, die die App nicht nutzen wollen, geben das an), aber noch mehr der Zweifel, „dass eine solche App wirklich hilft, die Pandemie einzugrenzen“ (63 Prozent). Hier ist also die Chance gegeben, dass klare und verständliche Worte, nicht zuletzt aus dem Kanzleramt und dem Corona-Krisenkabinett, erneut einen wichtigen Impuls liefern können, die Mehrheit der Menschen in Deutschland zu überzeugen – so wie das für die Akzeptanz der Kontaktsperre auch gelang.

 

Wie ist die Zustimmung zum Tragen von Schutzmasken?

Hier muss man deutlich zwischen verschiedenen Lebensbereichen unterscheiden. Für das Tragen von Schutzmasken im öffentlichen Nahverkehr sprachen sich inzwischen über 80 Prozent der Befragten aus, über 60 Prozent befürworten Mund- und Nasenschutz beim Einkaufen. Gleichzeitig steht eine große Mehrheit von fast 90 Prozent dem Tragen von Schutzmaterialien um Mund und Nase im Freien beim Sporttreiben oder Spazierengehen skeptisch gegenüber. Das Tragen von Schutzmasken im beruflichen Umfeld, eine Maßnahme, die je nach Branche und Tätigkeit unterschiedlich relevant ist und teils hohe Anforderung an die Umsetzung stellt, halten fast 45 Prozent für gut, bei den unter 65-Jährigen aber nur etwas weniger als 40 Prozent. Es bedürfte demnach noch einiges an Überzeugungsarbeit, wenn eine solche Pflicht eingeführt werden sollte.

Die gesamte Analyse der COMPASS Daten vom 23. April 2020 finden Sie in der Publikation DIW aktuell, Nr. 35.

An COMPASS arbeiten verschiedene Forscher von infratest dimap unter der Leitung von Dr. Nico A. Siegel, als wissenschaftlicher Co-Leiter fungiert Prof. Dr. Gert G. Wagner. Gert Wagner ist Max Planck Fellow am MPI für Bildungsforschung in Berlin, Vorsitzender des Sozialbeirats der Bundesregierung und Mitglied des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen:

 

„In der derzeitigen Krise wird mit dem Corona-COMPASS von infratest dimap in Ergänzung zu aktuellen politischen Meinungstrends und wissenschaftlichen Großerhebungen, insbesondere dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP),  ein wichtige Dateninfrastruktur zu Einstellungen und persönlichkeitsbedingten Wahrnehmungen rund um Covid-19 geschaffen. Die Datengrundlage wird weit über eine Meinungsumfrage hinausgehen und eine wertvolles empirisches Fundament für wissenschaftliche Analysen darstellen.“

Der Kitt der Krise: dauerhaft belastbar oder rasch bröckelig?

von Nico A. Siegel und Gert G. Wagner vom 30. März 2020

Arg bröckelig schien der soziale Zement in dieser Gesellschaft in den vergangenen Jahren geworden zu sein: Spaltung, Polarisierung, Radikalisierung – Schlagworte und Zustandsbeschreibungen wie man sie zuletzt immer wieder vernommen hat, selbst von sonst eher unaufgeregt agierenden empirischen Gesellschaftsforschern.
Hat die Corona-Krise das Zeug dazu, die Gesellschaft wieder zusammenzuführen oder wird sie die wachsende Polarisierung weiter vorantreiben? Dieser Frage gehen Nico Siegel und Gert Wagner in folgendem Text nach.
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