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30 Jahre Mauerfall

MDR

Auftraggeber: MDR

Gesellschaftliche Entwicklungen seit dem Mauerfall – differenzierte Bewertungen 

 

30 Jahre nach dem Mauerfall von 1989 bewerten West- und Ostdeutsche einige der in der vorliegenden Studie betrachteten gesellschaftlichen Entwicklungen ähnlich, andere deutlich unterschiedlich. Die Urteile sind dabei zwar sehr stark durch den Mauerfall von 1989 geprägt, die gesellschaftlichen Veränderungen verliefen aber seitdem auch unter den Bedingungen globaler wirtschaftlicher, politischer, kultureller etc. Veränderungen mit sehr vielfältigen Auswirkungen auf das Leben in West und Ost.       

 

Sowohl West- als auch Ostdeutsche sehen vor allem in zwei Bereichen ihres Lebens positive Ergebnisse nach 30 Jahren gemeinsamer gesellschaftlicher Entwicklung: Die meisten schätzen ihre persönliche wirtschaftliche Lage als sehr gut oder gut ein, und zwei Drittel geben an, das Freiheitsempfinden und die Chancen für Selbstverwirklichung hätten sich stark oder zumindest etwas verbessert. Für andere Lebensbereiche, die in der Befragung betrachtet wurden, fallen die Bewertungen ebenfalls positiv, aber verhaltener aus: Etwa die Hälfte der Deutschen sieht heute eine positive Entwicklung bei der demokratischen Mitbestimmung und den Möglichkeiten, seine Meinung frei zu äußern. Knapp die Hälfte der Deutschen geht davon aus, dass sich die Zukunftsperspektiven der jungen Generation verbessert haben, gut ein Drittel kommt jedoch zur gegenteiligen Einschätzung. Überwiegend kritisch gesehen wird dagegen die Entwicklung des gesellschaftlichen Zusammenhalt: Gut vier von zehn beklagen eine Verschlechterung, ein Drittel kommt zu einem positiven Urteil.

 

Ihre persönliche wirtschaftliche Situation betrachten heute sowohl acht von zehn West- als auch Ostdeutschen als „sehr gut“ oder „gut“ (jeweils 82 Prozent). Diese aktuelle Einschätzung der eigenen Wirtschaftslage hat sich in den letzten 20 Jahren deutlich verbessert, wobei die positive Entwicklung bei den Ostdeutschen stärker (+21 Prozentpunkte) als bei den Westdeutschen (+12) ausgeprägt ist.

 

Bessere Möglichkeiten für ein freiheitliches Leben und die individuelle Selbstverwirklichung sehen insbesondere die Ostdeutschen: Für drei Viertel hat die gesellschaftliche Entwicklung seit dem Mauerfall hier starke oder zumindest einige Verbesserungen gebracht. Im Gegensatz dazu sehen nur 10 Prozent Verschlechterungen. Auch die Westdeutschen schätzen die Entwicklung im Bereich der individuellen Freiheit in den letzten 30 Jahren mehrheitlich (61 Prozent) positiv ein.

 

Die Entwicklungen von Demokratie, freier Meinungsäußerung und des gesellschaftlichen Zusammenhalts im vereinigten Deutschland werden in West und Ost dagegen weniger positiv bewertet. Etwa die Hälfte der West- und der Ostdeutschen geht davon aus, dass sich die Möglichkeiten freier Meinungsäußerung seit dem Mauerfall verbessert haben. Ein Fünftel der Westdeutschen und ein Viertel der Ostdeutschen sind dagegen der Auffassung, die Situation habe sich verschlechtert.  

 

Ähnlich werden die Chancen der demokratischen Mitbestimmung in der Gesellschaft bewertet: Jeweils die Hälfte der West- und der Ostdeutschen meint, hier habe es Verbesserungen gegeben, jeweils ein knappes Fünftel der West- und der Ostdeutschen geht von Verschlechterungen aus.

 

Von den fünf abgefragten Bereichen wird die Entwicklung des gesellschaftlichen Zusammenhalts seit dem Mauerfall am kritischsten bewertet - insbesondere im Osten Deutschlands: Hier konstatieren mit 57 Prozent etwa dreimal so viele Bürger Verschlechterungen als Verbesserungen (20 Prozent). Im Unterschied dazu sind die Meinungen der Westdeutsche zur Entwicklung des gesellschaftlichen Zusammenhalts geteilt: für 37 Prozent hat sich die Situation verbessert, für 39 Prozent verschlechtert.

 

Die Zukunftsperspektiven für die junge Generation fällt weniger kontrovers aus: Sie haben sich nach Auffassung sowohl der West- als auch der Ostdeutschen seit dem Mauerfall verbessert – wobei etwas mehr Ostdeutsche (50 Prozent) als Westdeutsche (46 Prozent) eine positive Entwicklung sehen. Allerdings geht sowohl etwa ein Drittel im Westen (37 Prozent) als auch im Osten (33 Prozent) von schlechteren Zukunftsaussichten junger Menschen aus.

 

Vier von zehn Ostdeutschen fühlen sich als „Bürger zweiter Klasse“

 

Vier von zehn Ostdeutschen (42 Prozent) stimmen der Ansicht zu, sie seien 30 Jahre nach dem Mauerfall „Bürger zweiter Klasse“. Die Hälfte (50 Prozent) stimmt mit dieser Ansicht nicht überein. Zwei Drittel der Westdeutschen (68 Prozent) halten diese Einschätzung dagegen für falsch.

 

Dass Ostdeutsche in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Spitzenpositionen – gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil – unterdurchschnittlich vertreten sind, wird in West und Ost vor allem auf fehlende Beziehungen und Netzwerke zurückgeführt. Für 43 Prozent der Westdeutschen und 54 Prozent der Ostdeutschen ist das mit deutlichem Abstand der Hauptgrund. Dagegen werden unzureichende Erfahrungen und Qualifikationen oder auch geringes Interesse an Führungspositionen sowohl von West- als auch Ostdeutschen als nachrangig erachtet.

 

Differenzierte Sicht auf die DDR-Verhältnisse, aber kaum jemand möchte die DDR zurück

 

Die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR werden in West und Ost rückblickend unterschiedlich betrachtet: Im Vergleich zum heutigen Deutschland werden sie von Ostdeutschen vorteilhafter bewertet als von Westdeutschen.

 

Während in Westdeutschland jeder Dritte sagt, die DDR-Gesellschaft weise im Vergleich zum heutigen Deutschland keinerlei Vorteile auf, ist es in Ostdeutschland nur knapp jeder Zehnte. Sechs von zehn Westdeutschen attestieren der DDR-Gesellschaft Vorteile gegenüber dem heutigen Deutschland in einigen wenigen (51 Prozent) oder vielen Bereichen (10 Prozent).

 

Dagegen meinen insgesamt neun von zehn Ostdeutschen, die Verhältnisse in der DDR hätten Vorteile gehabt: Knapp drei Viertel (70 Prozent) äußern, die DDR habe im Vergleich zum heutigen Deutschland in einigen wenigen Bereichen Vorteile gehabt, für 18 Prozent war die frühere Gesellschaft in vielen Bereichen besser.

 

Obwohl die Mehrheit der Deutschen in West und Ost der ehemaligen DDR-Gesellschaft zumindest in einigen Bereichen Vorteile gegenüber dem heutigen Deutschland bescheinigt, wünscht sich kaum jemand die DDR zurück. Sowohl in West- als auch in Ostdeutschland äußern nur kleine Anteile der Befragten (3 Prozent / 10 Prozent) den Wunsch nach einer Rückkehr der DDR-Verhältnisse.

 

 

 

Die Treuhandanstalt – umstrittenes Kapitel des Vereinigungsprozesses

 

Erfolge und Misserfolge der Treuhandanstalt, die in der Spätphase der DDR mit dem Ziel gegründet wurde, die Volkseigenen Betriebe der DDR nach marktwirtschaftlichen Grundsätzen zu privatisieren, gehören zu den Top-Themen des deutschen Vereinigungsprozesses. Wie in den zurückliegenden 30 Jahren ist die Arbeit der Treuhand auch heute noch umstritten: Während die Hälfte aller Deutschen (49 Prozent) der Meinung zustimmt, sie habe die DDR-Wirtschaft vor allem zum Vorteil westdeutscher Unternehmen abgewickelt, schließt sich ein Drittel (36 Prozent) der Meinung an, die Treuhand habe vor allem unter sehr schwierigen Bedingungen dazu beigetragen, die marode DDR-Planwirtschaft in die Marktwirtschaft zu überführen.

 

Während die Meinungen der Westdeutschen zur Treuhandanstalt eher geteilt sind, zeichnen die vielfach von Entscheidungen der Treuhandanstalt direkt betroffenen Ostdeutschen ein anderes Bild: Die große Mehrheit (71 Prozent) bewertet die Arbeit der Treuhandanstalt als Abwicklung der DDR-Wirtschaft zugunsten der Interessen westdeutscher Unternehmen.

 

Viel Wissen über Mauerfall und Deutsche Einheit in West und Ost

 

30 Jahre nach dem Mauerfall geben 70 Prozent der Deutschen an, sehr viel oder viel über die Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands zu wissen. Drei von zehn bekennen deutliche Wissenslücken über die jüngere deutsche Geschichte. Dabei geben Ostdeutsche etwas häufiger (77 Prozent) als Westdeutsche (69 Prozent) an, über Teilung und Wiedervereinigung gut informiert zu sein.

 

Im Vergleich zu 2014 hat sich der Wissensstand der Deutschen in West und Ost nicht verändert. Unter den jüngeren Menschen im Alter bis 34 Jahre – die die DDR und den Mauerfall nicht selbst miterlebt haben – geben etwas weniger als sechs von zehn an, über Teilung und Wiedervereinigung gut Bescheid zu wissen. Bei den Befragten über 34 Jahre sind es hingegen zwischen sieben und acht von zehn.

 

Selbst benannte Wissenslücken bezüglich der jüngeren deutschen Geschichte bei mehr als vier von zehn Deutschen unter 35 Jahren sind unter anderem ein Indiz für beträchtliche Defizite der politischen Bildung.

 

Deutsche Einheit – ein langwieriger Prozess

 

30 Jahre nach Mauerfall und Wiedervereinigung gehen die Deutschen davon aus, dass die Angleichung der Lebensverhältnisse in Ostdeutschland an die im Westen Deutschlands noch lange dauern wird. Die Menschen im Westen sind dabei optimistischer als im Osten: 44 Prozent von ihnen rechnen damit, dass die Angleichung in weniger als zehn Jahren erreicht sein wird. Daran glauben jedoch nur 17 Prozent der Ostdeutschen. Von mehr als 10 Jahren gehen 46 Prozent der Westdeutschen aus – diese Prognose treffen aber 76 Prozent der Ostdeutschen.

 

Verglichen mit Befragungswerten aus dem Jahr 2009 zeigt sich eine Zunahme der pessimistischen Sichtweise: Damals glaubten noch 65 Prozent der Westdeutschen (heute 44 Prozent), die Ost-Angleichung sei nach 10 Jahren vollendet. Bei den Ostdeutschen glaubten seinerzeit 51 Prozent an eine 10-Jahresfrist, der aktuelle Wert ist auf 17 Prozent gesunken.  

 


Studieninformation

Grundgesamtheit:Wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland ab 18 Jahren

Stichprobe:Repräsentative Zufallsauswahl

Erhebungsverfahren:Telefoninterviews (CATI)

Fallzahl:1.009 Befragte (505 West / 504 Ost)

Erhebungszeitraum:22.-29. Oktober 2019

Schwankungsbreite:liegt mit 95 prozentiger Wahrscheinlichkeit
bei einem Anteilswert von 5 Prozent bei unter 1,4 bzw.
bei einem Anteilswert von 50 Prozent bei unter 3,1 Prozentpunkten.

Durchführendes Institut:infratest dimap